Berliner Wirtschaft Februar 2021
oder eine E-Mail erfordert. Zu Beginn wird ein Memo aufgesetzt, welches alle Teilnehmenden still lesen. Anschließend werden Ideen und Gedanken aufgeschrieben und diskutiert. Meldet sich nie- mand zu Wort, müssen auch keine unterschied- lichen Perspektiven ausgetauscht werden – und das Teamkommt schneller zu einer Entscheidung. Der Vorteil von stillen Besprechungen ist nicht nur, dass Entscheidungen schneller getroffenwer- den, sondern dass auch introvertierte Menschen viel besser miteinbezogen werden. Eine weitere Methode, die ebenfalls gemein- sam umgesetzt wird und geradezu prädesti- niert ist für recht umfangreiche Entscheidungs- prozesse, besteht darin, zwei Teams zu bilden, die unterschiedliche Perspektiven und Analy- sen einbringen. Das gilt auch dann, wenn diese nicht der eigenen Überzeugung entsprechen. Der Vorteil dabei ist, dass es stets zu einer offenen und unbefangenen Diskussion kommt. Und dies wiederum verbessert am Ende die zu treffende Entscheidung. Ein weiteres Tool, das simpel und sehr Erfolg versprechend ist, sind Checklisten. Sie sollten Teil jeder strategischen Entscheidung sein, da sie die Aufmerksamkeit auf dasWesentliche fokussieren. Ein Beispiel für eine solche Checkliste umfasst drei Bereiche, mit denenman seine Entscheidung überprüfen kann: Der erste umfasst den Grün- der beziehungsweise die Gründerin selbst; der zweite die Person, die eine Entscheidung mögli- cherweise empfiehlt. Der dritte Bereich umfasst den Vorschlag selbst. Anhand einer Checkliste lassen sich eventuell verborgene Motive, Vorein- genommenheit und Datenkorrektheit der bevor- stehenden Entscheidung analysieren und so im Vorfeld Denkfehler ausschließen. Wichtig ist es dabei, unterschiedliche Perspektiven einzuneh- men und nach Handlungsalternativen zu suchen. Meditation – Work-out für den Kopf Das letzte Tool für bessere Entscheidungen bezieht sich auf das Thema Achtsamkeit eines jeden Ein- zelnen. In den meisten Fällen führt Multitasking zu schlechten Entscheidungen. Was dabei hilft: sich in Achtsamkeit üben. Meditation unterstützt dabei, den eigenen Fokus zu schärfen – und funk- tioniert wie einWork-out für den Kopf. Nicht nur die Konzentrations- und Merkfähigkeit werden verbessert, sondern Meditation kann dabei hel- fen, die eigenen Emotionen besser zu verstehen und so stärker steuern zu können. ■ Der Autor Philip Meissner ist Wirtschaftswissen- schaftler und leitet seit 2018 den Lehrstuhl für Strategisches Management und Entscheidungsfindung an der ESCP Europe in Berlin. Melina Hanisch, Start-up-Koordinatorin der IHK Tel.: 030 / 315 10-527 melina.hanisch@berlin. ihk.de Link zur Website der Gründerszene Die Ursprungsversion des Textes unter: gruenderszene.de ein Start-up etwa gegen die Teilnahme an einem bestimmten Gründerwettbewerb, kann diese Technik dazu führen, dass der eigentliche Grund offenbart wird – zumBeispiel, dass dem Start-up der Zugang zu einem gewünschten exklusiven Netzwerk verwehrt bleibt. Ein anderer Grund könnte sein, dass der Wett- bewerb keine mediale Präsenz nach sich ziehen würde. Das dreimalige Fragen nach dem ursäch- lichen Grund für oder gegen eine Entscheidung hilft, die eigene Perspektive zu öffnen und Hand- lungsalternativen zu identifizieren. Dabei sollte der Merksatz gelten: Je weniger Zeit zur Refle- xion zu Beginn aufgebracht wird, desto mehr Zeit muss amEnde des Entscheidungsprozesses inves- tiert werden. Betrachtungen aus der Zukunft Durch die Premortem-Methode können Gründe- rinnen und Gründer ihre Herangehensweise bei der Entscheidungsfindung grundlegend ändern. Dabei gehen sie mit ihrem Team davon aus, dass eine real bevorstehende Entscheidung in fünf Jahren komplett fehlgeschlagen ist. Man stellt sich also gemeinsam vor, sich in der Zukunft zu befinden, und analysiert eine falsch getroffene Entscheidung aus einer künftigen Perspektive. Nun überlegt man sich die Gründe, die zu die- ser Entwicklung geführt haben. Man denkt also nicht mehr darüber nach, was mit einer Entschei- dung schiefgehen könnte, sondern bereits schief- gegangen ist. Diese komplett andere Herangehensweise verhindert die eigene Selbstüberschätzung und öffnet die Perspektive und Diskussion aller Beteiligten. Dieser fingierte Stresstest reduziert die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns erheb- lich. Geht man also zum Beispiel davon aus, dass man sich als Start-up gegen eine Kooperation mit einem Konzern entschieden hat, kann man sich bereits im Vorwege überlegen, warum dies als Strategie scheitern könnte. So kann man tes- ten, ob die resultierenden Risiken für das eigene Unternehmen akzeptabel und zu managen sind. Das Ziel ist dabei, auch unbewusste Denkfehler zu minimieren und ganz offen für Kritik zu sein. Stille Besprechungen – die Amazon-Methode Mit diesem Tool verlaufen wichtige Meetings zu strategischen Fragen in Start-ups wesentlich effi- zienter und zielführender. Grundsätzlich sollte stets im Team gefragt werden, ob ein Thema, das geklärt werden muss, ein Meeting, ein Telefonat FOTOS: SHUTTERSTOCK/PETERSCHREIBER.MEDIA, FOTOSTUDIO CHARLOTTENBURG 47 IHK BERLIN | BERLINER WIRTSCHAFT 02 | 2021 SERVICE | Gründerszene
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